Startseite Geschichte - Grundschule (Moltkestr.)

Geschichte


- Grundschule (Moltkestr.) - Gemeinschaftsschule (Weimarstr.) - Archiv

Sitemap Kontakt Impressum Datenschutz

- Grundschule (Moltkestr.)

Auszug aus dem von Rektor Eberhard Haussmann erstellten Extrablatt zur 100 Jahrfeier der Wilhelmschule im September 2002:

Geschichte und Geschichtchen aus 100 Jahren

Wenn wir uns heute aus Gründen des Jubiläums die Entstehung und Entwicklung der Wilhelmschule betrachten, ist es unablässig, auch die Situation der Stadt Tuttlingen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu betrachten. Zwei große Schulen wurden innerhalb von zwei Jahren gebaut, die zweite, die Wilhelmschule wurde 1902 gleichzeitig mit der Turn- und Festhalle errichtet, eine dritte, die katholische Volksschule genannt Schillerschule sollte schon 1905 folgen. Nur eine reiche Stadt konnte sich diese stattlichen Gebäude leisten. Dabei hatte doch der Stadtbrand um Jahre 1803 die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Offensichtlich war aber zu Beginn des neuen Jahrhunderts, von der Notzeit des Wiederaufbaus nichts mehr übriggeblieben, welche Stadt präsentierte sich den zahlreichen Neubürgern dieser Zeit?

Tuttlingen um die Jahrhundertwende – eine blühende wohlhabende Industriestadt, die dank ihrer zahlreichen Fabrikbetriebe innerhalb weniger Jahrzehnte einen ungeheuren Aufschwung erfahren hatte. Seit 1870 hatte sich die Bevölkerung nahezu verdoppelt, mit 13 530 Einwohnern nahm sie unter den württembergischen Städten von der Größe her den 11. Platz ein. Allein 28 Schuhfabriken beschäftigten über 2000 Arbeiter und Arbeiterinnen, aus dem alteingesessenen Messerschmiedehandwerk waren Fabriken für die Produktion von chirurgischen Instrumenten entstanden, allen voran Jetter & Scheerer, um die Jahrhundertwende bereits die AG für Feinmechanik, die über 1000 Arbeiter und Angestellte beschäftigte. Auch Wollwaren – und Trikotwarenfabriken beschäftigten vor allem viele weiblichen Arbeitskräfte, daneben prägten zahlreiche Bierbrauereien und Gerbereien die Stadt. Durch das 1896 gebaute Elektrizitätswerk wurde diese industrielle Entwicklung kräftig unterstützt. So zogen immer mehr Menschen, auch aus der weiteren Umgebung, nach Tuttlingen, da hier die Aussicht, einen Arbeitsplatz zu bekommen, äußerst gut war.

Mit der raschen Zunahme der Bevölkerung einher ging das starke Wachstum der Stadt. War 1875 die heutige Gartenstraße das Ende der Stadt, entstanden in der Folgezeit in Richtung Stockach wieder neue Straßen und in Richtung Westen ständig neue Häuserquartiere. Die stattlichen Gebäude der neuen Schulen und der Turnhalle konnten auf dem durch die Begradigung der Donau gewonnenen neuen Terrain in unmittelbarer Nähe dieser Neustadt gebaut werden.

Bedingt durch die starke Zunahme der Bevölkerung entstand in Tuttlingens Schulen eine qualvolle Enge. Da der weit überwiegende Teil der Jugendlichen die Volksschule besuchte, so gingen im Jahre 1900 1300 Mädchen und Jungen auf die evangelische Knaben- und evangelische Mädchenschule, letztere schon im Jahre 1883 auf dem Steinewasen als Karlschule erbaut, waren vor allem hier die Klassenstärken unzumutbar.
Im Frühjahr 1900 waren in einer Schulklasse durchschnittlich 98 Kinder, in den Knabenklassen sogar 103 Schüler. Nun wurden aber durch den Bau des neuen Realschulgebäudes, zum Vergleich die Zahl der Realschüler und derer der zwei Lateinklassen belief sich auf 200 Schüler, Klassenräume für die evangelische Volksschule frei.
An dieser Stelle ist anzumerken, dass das damalige Volksschulwesen konfessionell gebunden war und außerdem Mädchen und Jungen in getrennte Schulen gingen. Tuttlingen war württembergisch, also eine Stadt mit vorwiegend evangelischer Bevölkerung, erst durch den Bevölkerungszuwachs aufgrund der Industrialisierung nahm auch die katholische Bevölkerung in Tuttlingen zu, was den Bau der Schillerschule, der katholischen Knaben- und Mädchenschule, im Jahre 1905 nach sich zog.

Die evangelische Volksschule Tuttllingens entstand von daher auch einer evangelischen Ortsschulbehörde, der Ortsschulinspektor war der sehr engagierte, damals noch junge Stadtpfarrer Joseph Haller. Namentlich hat er die Diskussion um den Bau eines evangelischen Knabenschulhauses ins Rollen gebracht, schon am 2. Oktober 1897 gab es zum Bau eines solchen einen Beschluss der bürgerlichen Kollegen der Stadt. Endgültig beschlossen wurde der Schulhausneubau am 16. Mai 1900, nach den Plänen von Stadtbaumeister Schmidt wurde 1901 der Rohbau fertiggestellt. So lagen dann genau fünf Jahre zwischen Beschlussfassung und Einweihung am 1. September 1902. Bis dahin war die evangelische Knabenschule in der Friedrichschule (Namensgebung erst 1902, heutige Stadtbibliothek), dem ältesten Schulgebäude Tuttlingens, untergebracht. Nun war also Raum geschaffen für die ständig steigende Schülerzahl, zusätzliche Lehrer konnten eingestellt werden. Nach einer Statistik der evangelischen Ortsschulbehörde über die evangelischen Volksschulen im Bezirk Tuttlingen aus dem Jahr 1906 entwickelte sich die Schüler- und Lehrerzahl an der evangelischen Volksschule Tuttlingen folgendermaßen:
1872 unterrichteten nur 11 Lehrer 895 Kernstadtschüler und 26 Schüler aus dem Ludwigstal, diese hatten immer einen Lehrer, 1902 waren es schon 23 Lehrer die 1446 Knaben und Mädchen unterrichteten und 1906 dann 29 Lehrer für 1619 evangelische Volksschüler. So konnten nun Parallelklassen gegründet werden und die Zahl der evangelischen Volksschulklassen erhöhte sich von 13 im Jahre 1900 auf 20 im Jahre 1902. Die Gründung neuer Schulklassen, ermöglicht durch den Bezug des neuen evangelischen Knabenschulhauses der Wilhelmschule, kam zuerst den unteren drei Klassen zugute, hier konnte die durchschnittliche Schülerzahl pro Klasse auf 54 Schüler pro Klasse gesenkt werden. In den Klassen 4 – 7 blieben die Klassenstärken bei den Knaben 76,5 Schüler durchschnittlich und bei den Mädchen 82,7 immer noch sehr hoch.

Die Einweihung im Jahre 1902

Nicht leicht gewesen sei der Kampf um neue Räumlichkeiten und zusätzliche Lehrerstellen, nachzulesen in einem Artikel in den Tuttlinger Heimatblättern 22 über Stadtpfarrer und Dekan Joseph Haller. In hartem Ringen mit der "zäh widerstrebenden Stadtverwaltung...." und unter tatkräftiger Mitwirkung des jungen und energischen Oberamtmannes Nick wurden die Ziele dennoch erreicht. "Jetzt reden sie nur nicht gleich von drei neuen Schulstellen, das gibt ja eine Revolution, eine Revolution in Tuttlingen", sagte eine maßgebende Persönlichkeit in einer Sitzung der Ortsschulbehörde zu Haller und "bloß wegen dem neuen, jungen Stadtpfarrer müssen wir ein neues Schulhaus bauen", hieß es in der Bürgerschaft. So hat also Joseph Haller Stadt- und Schulgeschichte geschrieben in Tuttlingen!
Geglättet waren die Wogen allerdings bei den Einweihungsfeierlichkeiten an jenem 1. September im Jahre 1902, bewegt nahm man Abschied vom alten Knabenschulhaus bei der evangelischen Stadtkirche. Gegen 10 Uhr an jenem Montagmorgen bewegte sich unter den Klängen der Stadtmusik der feierliche Zug durch die Bahnhofstraße, um Beflaggung der Häuser war gebeten worden. Ganz am Schluß des Zuges die Knabenklassen, auf die nun, wie im Gränzboten vom 6. September 1902 nachzulesen ist "12 helle lichte und geräumige Schullokale warten" in denen man auch "in trüben Wintermonaten über mangelhafte Beleuchtung nie zu klagen habe", dass mit dieser "Lokalen" reichlicher Lustraum für die Schüler vorhanden sei und sie "doch nicht so groß seien, dass die Stimmkraft der Lehrer überfordert würde", so gesagt bei der Ansprache von Ortsschulinspektor Haller bei der Schlüsselübergabe vor dem neuen Schulgebäude.
Dieses Gebäude sei "... nicht nur für die Bedürfnisse des Augenblicks sondern für eine stattliche Reihe von Jahrzehnten eingerichtet". Schon vorausschauend ging Haller auch darauf ein, dass es (das neue Schulgebäude) ohne Störung des Unterrichts um 3 – 9 weitere Schullokale erweitert werden kann. So hatte Stadtbaumeister Schmidt in seinen Bauplänen, übrigens war ja die gegenüberliegende Realschule nach exakt denselben Plänen von ihm erbaut worden, die Erweiterung des Gebäudes durch Anbau des Westflügels schon vorgesehen.
Eitle Freude war also eingekehrt, Oberlehrer Werner bedankte sich bei den Bürgerlichen, Kollegien und Stadtschultheiß Storz für das schöne Haus. Zum Mittagessen ging man in den "Schwarzen Bären" in der Unteren Vorstadt, wo ebenfalls noch einige Tischreden gehalten wurden und auch Herr Direktor Scheerer von der AG für Feinmechanik sein Vertrauen an die Lehrer, die Schüler zu tüchtigen Menschen heranzuziehen, aussprach.

Erweiterungsbau im Jahre 1912

Lehren und Lernen prägten nun also das neue Haus. In "kleineren" Klassen konnte man für den einzelnen Schüler mehr Zeit und Aufmerksamkeit aufbringen. Die Zahl der "Nachzügler" nahm von daher auch bedeutend ab. Die Bevölkerung nahm aber weiterhin zu so dass die Fertigstellung des Erweiterungsbaues nur eine Frage der zeit war. Zuvor aber wurde noch aufgrund des Volksschulgesetzes aus dem Jahr 1909 die kirchliche Schulaufsicht aufgehoben und die staatliche eingerichtet.

Im Jahre 1911 kann man dem Gemeinderatsprotokoll vom 17. Februar entnehmen, dass durch "die Schaffung einer Anzahl weiterer Schulstellen an der evangelischen als auch katholischen Volksschule... die vorhandenen Schulräume jetzt schon überfüllt sind". Darüberhinaus sei "die Unterbringung der Gewerbe- und Handelsschule in dem Gebäude an der Bahnhofstraße nur eine provisorische." Der Gewerbeoberschulrat hatte offensichtlich bis zum Jahr 1913 die Beschaffung geeigneter Räume für diese Schule angemahnt.
Da auch die evangelische Volksschule die Zahl der Schulstellen, das heißt neue Lehrer und neue Klassen, in den nächsten Jahren erhöhten müsste "haben sich die Kollegien mit einem Schulhausneubau zu befassen."
Die Ortsschulbehörde hatte einen entsprechenden Beschluß schon am 1. März 1910 gefasst. Gedacht war an einen Anbau mit 9 Schulsälen. Dabei sollten 3 Säle für die Gewerbeschule und 1 Saal für die Handelsschule reserviert werden. Desweiteren sollten ein Lehrerzimmer, ein Lehrmittelzimmer, ein Zeichensaal eingerichtet werden und lediglich 2 Zimmer für die evangelische Knabenschule übrig bleiben. Der Vorschlag, 12 Säle zu errichten wurde verworfen mit dem Argument, das dies den Spiel- und Turnplatz zu sehr einenge. Später solle ein besonderes Handels- und Gewerbeschulgebäude errichtet werden, damit die Wilhelmschule ganz für die evangelische Knabenschule verwendet werden könne.
Am 5 Mai 1911 nimmt der bautechnische Berater Knoblauch der Oberschulbehörden zu der Erweiterungsabsicht Stellung und schlägt für die 3 nördlichen Klassenlokale eine Länge von 13,51 m vor, die für den Zeichensaal und die Gewerbeschule verwendet werden sollen. Für Volksschulklassen seien 12 m ausreichend. Wegen der ungünstigen Form und Beleuchtung des achteckigen Kuppelzimmers soll dieses als Unterrichtslokal nicht mehr in Betracht kommen. Für die Schullokale empfiehlt er die Tafel besser in die Mitte der Bankreihen und das Katheder seitlich der Fensterwand anzuordnen. Des weiteren sei der vollkommene Abschluss der Dienerwohnung dringend geboten. Er empfiehlt sehr ein Schülerbad.

Die Erweiterung der Schüleraborte erweise sich für die nunmehr 18 Schullokale als notwendig.
Auch der Evangelische Oberschulrat gab am 8. Mai 1911 grünes Licht für den Neubau. Aus dem Gemeinderatsprotokoll der Oberamtsstadt Tuttlingen vom 2 Juni 1911 ist dann auch zu entnehmen, dass mit den Arbeiten, deren Vergebung heute erfolgt ist, .... demnächst begonnen werden wird. Der für die Baukosten erforderliche Betrag bis zur Höhe von 72 000 Mark sollte bei der Oberamtssparkasse zum Zinsfuss von 4 % aufgenommen werden und die Schuld in 25 Jahresraten vom 1 April 1912 ab wieder abgezahlt werden. In einem späteren Gemeinderatsprotokoll vom 25 Juli 1913 findet sich dann noch die Notiz, dass die Baukosten sich lediglich auf 64 557 Mark beliefen und sogar noch ein gewährter Staatsbeitrag von 5 200 Mark abzurechnen sei.

(zusammengestellt von Marlies Allgaier-Schutzbach)

Interviews mit ehemaligen Wilhelmschülern

Herr Albert Riess, heute 91 Jahre alt, in Tuttlingen geboren und aufgewachsen wurde im Kriegsjahr 1917 in die Wilhelmschule eingeschult. „Sehr viele alte Lehrer, die nicht mehr in den Krieg konnten, hätten da unterrichtet und die Klassen seien sehr groß gewesen, da es zu wenig Lehrer gewesen seien. Als ABC-Schütze sei er von der Mutter in die Schule gebracht worden, den alten Lederschulranzen von seinem Großvater habe er gehabt, der Schulzranzen sei von Generation zu Generation vererbt worden. In die Bänke habe man von der Seite her einsteigen müssen, in der 1. Klasse sei er der Drittbeste von 65 Schülern gewesen, das habe er aber danach nicht mehr geschafft. Die Bücher habe man selbst kaufen müssen, auch die Hefte. Da habe manch ein Begüterter ein schönes Büchlein zum Reinschreiben gehabt und einer aus einer Arbeiterfamilie halt nur alte Zetteln, so sozial sei das damals nicht gewesen. Nach 4 Jahren Elementarschule sei er dann auf die Realschule auf der anderen Seite des Denkmalplatzes, so genannt nach dem Schneckenburgerdenkmal „Wacht am Rhein“, Stadtgarten habe man damals noch nicht gesagt, gegangen und habe 1930 das Abitur gemacht. Da damals Lehrermangel gewesen sei, hätten sich alle 7 damaligen Abiturienten in einem einjährigen Kurs in Nagold zu Schulpraktikanten ausbilden lassen. So sei er dann 1933 an die Wilhelmschule als Lehrer zurückgekehrt und habe dort bis im Juli 1935 unterrichtet. Schuldiener sei damals Herr Häberle gewesen. Er erinnere sich auch daran, dass Lehrer wenn sie aus einem anderen Ort kamen, von der Stadt eine Lehrerwohnung zugewiesen bekommen hätten.“

Bis 1930 war die Wilhelmschule eine reine Knabenschule, an der auch nur Lehrer unterrichteten.
Bis 1927 mussten diese Schüler nur 7 Schuljahre besuchen, danach wurde das 8. Schuljahr eingeführt. Ab 1931 gab es dann insofern eine Änderung dieser strikten Trennung zwischen Mädchen und Knaben, den Elementarschülerinnen der Weststadt sollte offensichtlich der lange Weg in die evangelische Mädchenschule, der Karlschule, nicht mehr zugemutet werden, als nun 1931 die erste evangelische Mädchenklasse in die Wilhelmschule aufgenommen wurde. Pionierinnen waren sie, die 36 Mädchen, die an Ostern 1931 eingeschult wurden und in ihrem ersten Lehrer, Alfred Hauser, einen engangierten und tatkräftigen Erzieher hatten.

Hilde Bensch, geborene Sax, Marion Müller-Goll und Margarethe Storz erinnern sich: "Den Lehrer Hauser mochte man. Einen grauen Anzug hatte er immer an und trug mit Vorliebe einen Hut dazu. Bei der Einschulung hat der Lehrer etwas singen lassen, ein Frühlingslied „Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt..."
Vor dem Schulhaus, im Hof mussten sich die Kinder zwei und zwei aufstellen und wurden vom Schuldiener Krafzig in das Klassenzimmer geführt. Der Tisch, an dem der Lehrer saß sei erhöht auf einem Podest gestanden Tatzen, also Schläge mit dem Stock auf die Hände, habe es schon gegeben, aber bei Lehrer Hauser würden sie sich daran nicht erinnern. An Puffer vom Ellbogen bis zum Handgelenk könnten sie sich erinnern und an Schürzen, die bei Mädchen aus gutsituierten bürgerlichen Geschäftshäusern, wie auch die Kleider, aufwendig genäht und bestickt sein konnten. Da seien natürlich auch manchmal Unterschiede zu Mädchen aus Arbeiterfamilien zum Vorschein gekommen und es sei von der Seite schon auch einmal gezischelt worden „s`heilige Engele im weißen Schürzle“.
Aus dem Spruchbuch habe man religiöse Sprüche aus der Bibel auswendig aufsagen müssen, wie überhaupt das Aufsagen von auswendig gelernten, jahreszeitlichen Gedichten ein Schwerpunkt gewesen sei. Auf die Schiefertafel habe man mit dem Griffel geschrieben, Schwamm und Lappen seien lustig aus dem Lederschulranzen, den man auf dem Rücken trug, heraus gebaummelt.
Mit Bleistift habe man auch viel geschrieben, aber auch mit Feder und Tinte, die Tintenfässle auf den leicht abschüssigen Tischen fest installiert, seien vom Schuldiener regelmäßig aufgefüllt worden.
Benotet habe man Verhalten, Fleiß und Aufmerksamkeit, das Fach Deutsch sei in die Fächer Sprechen, Lesen, Sprachlehre, Rechtschreiben und Schönschreiben aufgeteilt gewesen, daneben habe es noch Religion, Heimatkunde, Zeichnen, Rechnen, Singen und weibliche Handarbeiten gegeben.
Gerne in die Schule seien sie gegangen als sie den Lehrer Hauser hatten. Das Fräulein Jaegle, das sie in der 2. Klasse hatten, sei etwas strenger gewesen. Sehr gefreut haben sie sich, als in der 3. Klasse wieder Herr Hauser ihr Klassenlehrer wurde. Jedes Schuljahr habe man einen Ausflug gemacht, aber an die Ziele würden sie sich nicht mehr so genau erinnern. Einmal sei es wohl sehr heiß gewesen, wie man auf dem Foto sehen könne, dass alle Mädchen helle Sommerkleider trugen deute darauf hin, ebenfalls Herr Lehrer Hauser mit hellem Sommerhut.
Gefreut habe man sich, als im Frühjahr 1933 Herr Hauser wieder Klassenlehrer wurde, doch die Freude habe nicht lange gedauert, da er im Sommer abgeholt worden sei. Aktiv sei er gewesen, Stadtrat von der SPD und habe dem Grüneberg Zeltlager für Arbeiterkinder veranstaltet. Dem Liesele, der Tochter von Alfred Hauser, die auch in ihrer Klasse gewesen sei, hätten sie dann Poesie-Album-Bildchen geschenkt, um sie ob dem Verschwinden ihres Vaters zu trösten.

Oberlehrer Alfred Hauser wurde im Sommer 1933 wegen der Anschuldigung, er habe mit Tuttlinger Falken (Jugendorganisation der SPD) an einem Internationalen Jugendlager in Paris teilgenommen, bei dem eine Strohpuppe mit dem Aussehen Hitlers verbrannt worden sei, teilgenommen, verhaftet. Er erhielt Berufsverbot und Stadtverbot und kam im Konzentrationslager um.

Zum Schluß des Interviews mit Frau Bensch, Frau Müller-Goll und Frau Storz wurde dann das Ende ihrer 4-jährigen Elemtarschulzeit an der Wilhelmschule angesprochen. „Frau Jaegle hätten sie bis zum Ende der 4. Klasse als Klassenlehrerin gehabt. Alle drei seien sie dann zusammen auf die Realschule gegangen, allerdings erst nach dem sie die Aufnahmeprüfung bestanden hätten.“ Die meisten allerdings blieben auf der Volksschule, abgesehen von den erforderlichen Schulleistungen musste man für die Realschule Schulgeld bezahlen.

Alfred Schauer, heute 86 Jahre, aufgewachsen und sein ganzes Leben verbracht in Tuttlingen, in der Kaiserstraße, ist auch ehemaliger Wilhelmschüler. Mit fünf Geschwistern wuchs er auf, der Vater arbeitete in der AG für Feinmechanik, die Mutter war Hausfrau.
Nach acht Jahren Volksschulzeit an der Wilhelmschule wurde er 1930 ausgeschult und erlernte vier Jahre lang den Beruf des Graveurs. Nach der 4. Klasse in die Realschule zu gehen, brauchte er sich aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie stammend, gar nicht erst zu überlegen, das Schulgeld betrug 30 Mark im Monat.
Besonders deutlich erinnert er sich an einen Lehrer, immer elegant und schwarz gekleidet und auf dem Kopf ein besonderer Hut, eine Melone. Den Spitznamen „Schnäpse“ hätten sie ihm gegeben, da er dieser Spirituose sehr gerne zusprach. Einmal wären er und andere Schulerbuben in der Mosterei Hilzinger beim Mosten gewesen, hätten sich wohl etwas nützlich gemacht. Auf einmal hieß es, der Schnäpse würde gleich vorbeikommen, er wäre schon im Anmarsch. Da hätten sie nicht lange überlegt, den Wasserschlauch mit scharfem Wasserstrahl genommen, einige seien Schmiere gestanden und hätten das Zeichen zum Einsatz gegeben, als er an der Tür vorbeilief. Die Melone hätten sie ihm vom Kopf gespritzt.

An den Schuldiener Häberlen erinnere er sich gut. Im Eingangsbereich der Wilhelmschule von der Weimarstraße her gesehen, sei eine gusseiserne Schulglocke, gegossen im Ludwigstal, gehängt, mit der habe der Schuldiener die Unterrichtsstunden und die Pausen eingeläutet.

(Gespräche geführt von Marlies Allgaier-Schutzbach)

Wilhelmschule in der NS-Zeit

Mit dem Verschwinden Oberlehrer Hauser war also die NS-Zeit auch an der Wilhelmschule angebrochen. Im Jahre 1936 findet ein von Kirchenseite heftig geführer Streit um die Umorientierung der Wilhelmschule und die ersatzlose Streichung des konfessionellen Status statt. Die totalitären Machthaber setzen sich selbstverständlich durch, ab sofort wird die Schule umbenannt in Deutsche Volksschule und Hans-Schemm-Schule, sogenannt nach einer Nazigröße aus der württembergischen Bildungspolitik.
In einer nichtöffentlichen Sitzung der "Gemeinderäte" vom 15. Mai 1936, gab der Oberbürgermeister den Ratsherren Kenntnis von seinem am 7. des Monats an das Württembergische Kulturministerium gestellten Antrag auf sofortige Einführung der "deutschen Volksschule" in Tuttlingen, nachdem sich von den Erziehungsberechtigten von 1331 Schülern 1308 für die deutsche Volksschule ausgesprochen haben. Offensichtlich war in Tuttlingen am 6 Mai diese "Abstimmung" durchgeführt worden, gegen die das Katholische Stadtpfarramt Tuttlingen in einem Brief vom 8. Mai 1936 an das Württembergische Kulturministerium in schärfster Form protestierte, indem die Umfrage als "ungesetzlich und erzwungene Meinungsabgabe" bezeichnet wurde. Weiterhin erfährt man in diesem Protestschreiben, dass "den Kindern vormittags um 11 Uhr in der Schule erklärt wird, dass sie den Stimmabgabezettel für die Gemeinschaftsschule (Deutsche Schule) bis nachmittags 2 Uhr unterschrieben bringen müssen" ... Ist das "freigestellt" wenn die Kinder vor Angst weinend ihre Eltern betteln sie möchten unterschreiben? So verhielt es sich also mit der Abstimmung und der angeblich gewollten Einführung der Deutschen Schule! Weitere Maßnahmen folgten. Wie man in der Festschrift 100 Jahre Karlschule von 1983 in den Erinnerungen des ehemaligen Rektors Karl Märklin nachlesen kann, wurde die Tuttlinger Lehrerschaft in drei neue Kollegien aufgeteilt, auch die Rektorate wurden umbesetzt, so dass er als neuer Rektor an die sogenannte Hans-Schemm-Schule kam. Auch ein Großteil des Karlschulkollegiums wurde an die Wilhelmschule versetzt.
Im Herbst desselben Jahres wurde mit großer Dringlichkeit die Anschaffung von Rundfunkgeräten für die Volksschulen namentlich auch für die Hans-Schemm-Schule. Am 22. September stimmten die Gemeinderäte dieser Anschaffung zu. Sicher sollte die Propagandamaschinerie des Herrn Goebbels so auch an den Schulen Wirkung tun!

Am 01.04.1939 besuchten 432 Schüler die 8 meist zweizügig geführten Klassen, wobei in den drei ersten Schuljahren auch je eine Mädchenklasse neben den Knabenklassen geführt wurden. Aus der Statistik zum Schülerstand in den Volksschulen geht auch hervor, dass die Volksschulen stark unter Raum- und Lehrermangel zu leiden hätten.

Ansonsten konnte aber offensichtlich der Schulbetrieb bis 1939 einigermaßen aufrechterhalten werden. Dann verschlechterte es sich massiv.
Aus einem Schreiben des Bezirksschulamtes Tuttlingen vom 23. Oktober 1946 an den Gemeinderat Tuttlingen geht hervor, dass "seit September 1939 die Volksschule in Tuttlingen keinen geordneten Schulbetrieb mehr hatte, da sie von diesem Zeitpunkt in steigendem Maße aus den Schulhäusern entfernt wurde".
So wurden die Schulen durch Einrichtung von Lazaretten in Beschlag genommen, in der Wilhelmschule allerdings erst im Jahr 1944, als die meisten der Klassenzimmer dafür verwendet wurden. Aus einem Schreiben der Ministerialabteilung für die Volksschulen vom 11. März 1944 an die Herren Bürgermeister des Kreises Tuttlingen geht auch noch hervor, dass Stadt- und Landgemeinden ihre Schulen wegen Kohlemangel wiederholt geschlossen haben. Die Genehmigung zur Schließung habe aber allein das Ministerium zu erteilen und wolle nicht erst im Nachhinein informiert werden. Dies ist wohl eins der letzten schriftlichen erhaltenen Dokumente für striktes Einhalten der Hierarchie im totalitären Staat.

Neubeginn nach 1945

Der Neubeginn fiel schwer, die Deutsche Schule wurde wieder zur evangelischen Bekenntnisschule umgewandelt, erhielt wieder den Namen Wilhelmschule. Nach einem guten halben Jahr Zwangspause wurden die Schulen wieder geöffnet, aber es fehlte allenthalben an Lehrkräften, die Bücher aus der NS-Zeit waren verboten, Schreibmaterial war kaum vorhanden. Im ersten Nachkriegswinter konnte wegen Kohlemangel kaum geheizt werden. In einem Schreiben des Bezirksschulamtes Tuttlingen an den Gemeinderat geht hervor, "dass den Schulen Tuttlingens 23 Schulräume fehlen ... "Aus der Übersicht ergibt sich, dass .... die Volksschulen die Hauptlast der durch die Besatzung bedingten Raumbeschränkungen tragen". Das Bezirksschulamt schlug vor "bei der Besatzungsmacht" zu erwirken, dass die Wilhelmschule für Schulzwecke freigemacht wird. Dem Leiter des Bezirksschulamtes ist gelegentlich eines Besuches bei der Landesdirektion in Tübingen erklärt worden, dass die Wilhelmschule am 20.08.1946 von der Besatzungsmacht freigegeben worden sei. "... Die hiesigen Schulen haben durch die dauernden Umzüge für mindestens 10 000 RM Schaden an ihren Büchereien und Lehrmittelsammlungen erlitten. Dabei bleiben die Beschädigungen an Möbeln und Schulbänken völlig außer Rechnung".
Die Schulraumnot scheint sich in der Folgezeit nicht gebessert zu haben. So wird in den Notizen zur Gemeinderatssitzung vom 08.04.1949 von einer "Notlage unserer Schulen" gesprochen. Man erfährt, dass die Wilhelmschule immer noch von der Besatzungsmacht belegt ist und eine Änderung nicht zu erwarten sei, weil "eine Verordnung der Besatzungsmacht dahingehend bestehe, dass Schulhäuser, die während des Krieges von der Wehrmacht belegt waren, nicht zurückgegeben werden können. Dies treffe bei der Wilhelmschule zu, weil hier bekanntlich ein Kriegslazarett untergebracht war". Bei damaligen 20022 Einwohnern und "in Erwartung von größeren Flüchtlingskontingenten" nehme die Schülerzahl ja ständig noch zu.

Auch Lothar Luz, von 1966 bis 1987 Rektor an der Wilhelmschule, erinnert sich an die schwierige schulische Anfangssituation nach dem Krieg in Tuttlingen. Gehörte er doch am Kriegsende zu jenen Abiturienten, die als Laienlehrkraft nach Bestehen der Aufnahmeprüfung in den Schuldienst kam. „So hat man versucht, dem Lehrermangel entgegenzuwirken. Sie alle sind Kriegsteilnehmer gewesen, er selbst, schon als vermisst gemeldet, ist an Weihnachten 1945 heimgekommen. Die Lehrerknappheit hat noch bis in die 70-er Jahre angedauert, erst in der Mitte der 70-er Jahre hat es dann endlich genügend Lehrer gegeben.
Seine erste Klasse im Herbst 1946, damals hat man den Schuljahresanfang in den Herbst verlegt, war eine 5. Knabenklasse mit 84 Schülern, damals allerdings an der Karlschule. Im gleichen Herbst sind dann auch alle katholischen Schüler der Karlschule an die Schillerschule und die evangelischen von dort an die Karlschule gekommen. 32 Vollstunden hat man damals unterrichtet. Rektor an der Wilhelmschule war seit 1951 bis zu seiner Pensionierung 1966 Christian Haug gewesen, er selbst ist dann sein Nachfolger geworden. Bis dahin war er aber äußerst gerne Lehrer an der Karlschule. Rektor Link ist in den 30-er Jahren und während der NS-Zeit Rektor gewesen. Unter ihm war noch Albert Riess, schon 1939 im Polenfeldzug verletzt und kriegsuntauglich, im Schuljahr 40/41 Hausmeister geworden. Respekt hatten die Schüler vor ihm gehabt, mit seiner stattlichen Statur hat er etwas dargestellt. Rektor Luz erinnert sich an eine lustige Begebenheit.

"Einmal bin ich in eine erste Klasse bei uns gekommen und habe gefragt, ob sie mich kennen. Einige haben ihn wohl gekannt, andere haben überlegt und einer hat gesagt, dass ich der Hausmeister bin. Da ist plötzlich auch der Name Riess durch die Klasse gegeistert, dass der doch der Hausmeister ist, aber das wurde entschieden verworfen und gesagt, nein, der Riess, das ist der Schulrat".

Beliebt war seine rustikale Bar im Keller, da ist manches Fest gefeiert worden. Als er auf dem Schulamt mal auf das Feiern angesprochen wurde, hat er gesagt, aber zuerst wird an der Wilhelmschule geschafft! So hat Albert Riess auch ein Stück Wilhelmschulgeschichte geschrieben, bevor er 1978 in den wohlverdienten Ruhestand ging.
Auch seit den 30-er Jahren an der Wilhelmschule Lehrerin und 1966 immer noch dort im Dienst war Frl. Jaegle. Drei Schwestern waren es, die andere war Lehrerin an der Karlschule und die dritte hat den Haushalt gemacht, gewohnt haben sie in einem vornehmen Haus unterhalb vom Krankenhaus.
Die Gewerbeschule wurde nach dem Krieg in den Kellerräumen untergebracht, er selbst war dort Sportlehrer. Die Alte Festhalle hat man in den 50-er und 60-er Jahren noch als Turnhalle benutzt. Sehr lebhaft erinnert sich Lothar Luz noch an die Einführung der christlichen Gemeinschaftsschule. In der Aschermittwochsitzung 1967 im Landtag wurde die christliche Gemeinschaftsschule beschlossen. In seinem damaligen Elternbeiratsvorsitzenden Dionys Bacher, obwohl CDU, hat er einen Mitstreiter für die Gemeinschaftsschule gefunden. Rektor Huber hat im Gränzboten einen Artikel der GEW für den Zusammenschluss abdrucken lassen, viele Diskussionen und Auseinandersetzungen hat es damals gegeben. Nach ihrer Einführung wurde die Teilung der Mädchen und Jungen aufgehoben, die Schillerschule ist im Laufe der Zeit eine reine Hauptschule, die Karlschule reine Grundschule und die Wilhelmschule eine Grund- und Hauptschule geworden.
Ja, und an eine nette Begebenheit erinnert er sich sehr deutlich, als 1967 das Gymnasium an einem Samstag mit einem richtigen Umzug ins neue Gebäude zog(wie damals 1902) - er ist damals noch über den Poststeg gegangen - sind die Schüler und Lehrer der Wilhelmschule mit Transparenten im Stadtgarten gestanden, auf denen stand "In herzlicher Mitfreude".

Aus Gränzbote vom 11.10.2002:

Wilhelmschule feiert am Samstag

Schön herausgeputzt präsentiert sich die Wilhelmschule im 100. Jahr ihres Bestehens. Am morgigen Samstag wird groß gefestet. Foto: Waltraud Klee

Ein Fest zum 100-Jährigen

TUTTLINGEN - Die Wilhelmschule besteht seit 100 Jahren. Dieser "runde" Geburtstag ist der Anlass für ein Schulfest, das am morgigen Samstag, 12. Oktober, gefeiert wird.
Wie vor hundert Jahren beginnt der Tag mit einer "Festfeier... mit Festrede, Ansprachen und Gesängen" für geladene Gäste. Ab 11.30 Uhr haben die Schüler zusammen mit ihren Lehrern ein umfangreiches und abwechslungsvolles Programm vorbereitet, das unter dem Motto "Vom Zopf zum Outfit" steht.
Ausstellungen zu den Themen "Geschichten aus der Geschichte" und "Zeitreise" zeigen Ausschnitte aus der Geschichte der Schule und werfen Spotlights auf das Umfeld. In dieser Ausstellung ist auch eine Kaffee-Ecke eingerichtet. Ältere Bürger sind eingeladen, sich mit dem Ausstellungsteam zu unterhalten und ihre Erinnerungen, die hoffentlich durch den Besuch der Ausstellung angeregt werden, Preis zu geben.
Altes und Neues wird auf der Bühne präsentiert. Man kann den Struwwelpeter in heutiger Form genießen, sich über alte Formen der Gymnastik freuen oder traditionelle mit modernen Grundschultänzen vergleichen. Die Schüler- und die Lehrerband sorgen für Musik, und natürlich dürfen "Der Heultopf" und "Der Frosch" (Theaterstück und Singspiel) nicht fehlen. Alte und neue Spiele können in der Turnhalle ausprobiert werden, und beim Happy Dancing können alle in Schwung kommen. Mehr Informationen über das Haus vermittelt die Schulhaus-Rallye.
Wer nach allem Schauen und Mitmachen eine Stärkung und Ruhepause braucht, geht in die Wirtschaft oder in die Cafeteria. Die Eltern bewirten die Gäste mit internationalen Köstlichkeiten und Salaten, die gut zu Steak, Wurst oder Döner passen.
Und wohin mit den Kleinsten? Für Kinder bis sechs Jahre hat die Schule eine ganztägige Kinderbetreuung eingerichtet, damit Eltern sich frei bewegen oder gelassen relaxen können.
Die Wilhelmschule, benannt nach dem württembergischen König Wilhelm, wurde am 1. September 1902 eingeweiht.